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Als an unseren KUNSTVEREIN DIE H_LLE die Frage herangetragen wurde, ob wir Lust hätten, anlässlich des 10. Todestages von Christoph Schlingensief und im Rahmen des Lichtparcours 2020 eine Ausstellung mit den Ehemaligen seiner HBK-Klasse zu realisieren, waren wir uns schnell einig, dass wir dies unbedingt wollen. Weniger klar war uns hingegen, was genau unter „der Klasse Schlingensief“ zu verstehen sei. Zwar hatten wir alle während seiner Professur an der HBK Braunschweig selbst hier studiert oder gelehrt, doch wussten wir wirklich, wer zu seiner Klasse gehörte und was diese inhaltlich zusammenhielt?

Bereits seine Antrittsvorlesung als Gastprofessor für Kunst in Aktion wurde aufgrund des Andrangs auch außerhalb der Aula auf eine Leinwand übertragen. Seine Ästhetik, seine Kraft, seine Arbeitsweise zog viele Studierende an, zur Auswahl führte er gar eine Art Casting durch. Den Mitgliedern seiner Klasse ermöglichte er die Mitwirkung an internationalen Projekten wie Area 7 im Burgtheater in Wien oder dem Operndorf in Burkina Faso. Verbindungen schaffen, Menschen dazu anstiften Grenzen einzureißen, zur Mitbestimmung anregen – das war es, was wir mit Christoph Schlingensiefs Praxis verbanden. Doch galt dies auch für die gesamte Klasse?

Wir beschlossen, während des Festivals aktuelle Arbeiten der ehemaligen Studierenden Schlingensiefs zu zeigen und den Künstler*innen damit den Freiraum zu gewähren, ihre eigenen Positionen zu präsentieren. Wenn die Ausstellung auch eine Hommage der Klasse an ihren ehemaligen Professor sein soll, so eher als Frage, wie sich ihre Arbeit entwickelt hat, was sie noch mit Christoph Schlingensief zu tun hat. Also auch, was sie als Klasse zusammengehalten hat. Um dies abzubilden entschieden wir, das Festival mit einer Publikation zu begleiten. Das Kollaborative, die Zusammenarbeit sollte auch hier im Vordergrund stehen und sichtbar machen, was eine „Klasse Schlingensief“ überhaupt sein könnte. Wir planten, die mittlerweile über das ganze Bundesgebiet und darüber hinaus versprengten Ehemaligen zurück nach Braunschweig zu einem Workshop einzuladen. DIE H_LLE sollte als Ort des Austauschs dienen, mit dem Ziel in einem assoziativen Prozess eine druckfertige Publikation zu entwickeln. Es sollte um die Frage gehen, was die Klasse inhaltlich bestimmt hatte, ob sie ein rein formales Konstrukt war, wie ein gemeinsamer Nenner bestimmt sein könnte. Die Einladung für den Workshop im April war raus, der Rücklauf kam, die Termine standen fest, das Grafiker*innen-Team war bestellt, die Vorfreude war groß.

Und dann kam Corona. Also: Workshop absagen und sich fragen, ob es überhaupt möglich sein würde, im August 2020 eine Ausstellung öffentlich zugänglich zu machen. Wir überlegten, welches Format auch unter diesen Bedingungen noch durchführbar sein würde und wie wir doch noch ein gemeinsames Arbeiten bewerkstelligen könnten. In diesen anstrengenden Wochen und Monaten wichen wir wie alle anderen auch auf den virtuellen Raum des Internets aus. Wir entschieden uns für eine Online-Publikation und eine kollaborative Arbeit auf den einschlägigen digitalen Kanälen. Wir nutzten eine Plattform zur Materialsammlung und unser erstes „Treffen“ mit einigen Künstler*innen der Klasse fand als Video-Konferenz statt.

Und das mit allen technischen Schwierigkeiten und Herausforderungen: Die eine Hälfte erschien gar nicht zum verabredeten Zeitpunkt oder kam nicht in den Raum der Videokonferenz; die Anwesenden ließen sich zudem in drei Gruppen einteilen: Diejenigen, die uns sahen und hörten (und vice versa), diejenigen, die uns sahen, aber im Chat schrieben, dass sie nichts hörten und diejenigen, die uns hörten, aber nicht sahen. Wir endeten mit diversen parallel verlaufenden chaotischen Gesprächssträngen, einem vollgekritzelten White-Board und Kopfschmerzen durch die Reizüberflutung. Doch nach einigen Wochen kamen immer mehr Beiträge in unsere Sammlung, Erinnerungen wurden ausgetauscht, die eigenen künstlerischen Anfänge und die Zeit mit Christoph Schlingensief reflektiert.

Aus all diesen Materialien ist diese online-Publikation erwachsen. Hintereinander geschnitten werden Eindrücke der einzelnen Arbeiten, Erinnerungen, Fundstücke und Fragmente unserer mal besser, mal schlechter verlaufenden digitalen Kommunikation gezeigt. Diese lassen sich anklicken und dadurch einzeln aufrufen, um sie vollständig betrachten zu können.

Wir sind den Künstler*innen dankbar, dass sie weiter mitgemacht haben und uns auch Beiträge zur Verfügung gestellt haben, von denen sie sicherlich nicht dachten, dass sie diese einmal der Öffentlichkeit präsentieren würden. Herausgekommen ist eine Materialsammlung, die zeigt: In der Klasse Schlingensief ist einiges bewegt worden und die Mitglieder haben selbst auch wieder einiges an ihren neuen Wohnorten, in der Zeit nach dem Studium, bewegt. Einige arbeiten noch immer zusammen, sind international tätig, doch jede*r hat eine eigenständige Ausdrucksweise entwickelt.

Es gibt schon lange keine Klasse Schlingensief mehr, vielleicht hat es sie nie gegeben. Was es aber gibt ist eine Geisteshaltung, die den ehemaligen Mitgliedern zu eigen ist und die auch die Arbeit von und mit Christoph Schlingensief ausgemacht hat: Es ist die Lust am gemeinsamen Schaffen, der Spaß an der Improvisation und das Vertrauen auf die befreiende Kraft des Chaotischen.

Wir wünschen allen Leser*innen viel Vergnügen, diesen Spirit beim „Durchblättern“ zu entdecken.

Jennifer Bork, Mareike Herbstreit, Stine Hollmann, Lucie Mercadal und Henrike Wenzel